Sind die Bücher die Welt? Will ich eine Welt ohne Bücher?

Ich bin mit Büchern aufgewachsen. Ich habe immer gelesen. Das half mir alle äußeren Stürme zu überstehen. 

Dabei ging ich mit der Detailversessenheit einer Jungfraugeborenen vor obwohl meine Sonne woanders steht.

Als ich Lehrer werden wollte sammelte ich historische Fachbücher. Geschichte in Quellen, Neue Deutsche Geschichte, Zeitgeschichte, Weltkriege in Fotos, Alexander Randa, Golo Mann, Fischer Weltgeschichte, Neue Historische Bibliothek, Didaktik der DDR, DDR Geschichte, Marxismus-Leninismus. Ich war gut im sammeln und im lesen.

Das nutzte mir nur nicht viel. Obwohl ich viel wußte wurde ich nicht eingestellt, weil die SPD beschlossen hatte keine Lehrer einzustellen.

Ich wollte es nicht glauben und sammelte weiter, weil ich für alle Themen aus meinem Studienumfel up to date sein wollte. Aber die Bürokratie interssierte dies nicht.

Und dann die Software. Als ich die Lernprogramme erstellte und die Programmiersprachen lernte, als ich mit Autorensystemen arbeitete und die Netzwerkstrukturen lernte. Es gab jedes Jahr neue gedruckte Dokumentationen und Bücher, Kilo um Kilo jedes Jahr mit jeder neuen Version.

Ich brauchte lange, um mich davon zu lösen und zu verstehen, daß mein gesamtes erlerntes Wissen keinen Wert hatte.

Irgendwann entsorgte ich sämtliche Disketten im Sondermüll und alle Dokumentationen im Papiercontainer. Er war erst leer und danach komplett voll – dafür war der Keller leer.

38 große Kisten mit politischer Literatur verschenkte ich an ein befreundetes Ehepaar, die danach auf zwei Etagen 15 Meter breite und 2,5m hohe Bücherregale bauen ließen. „Mein Mann hat sich zehn Jahre kein Buch mehr danach gekauft“, erzählte mir die Ehefrau später.

Danach stieß ich auf die Astrologie. Ich sammelte fast die gesamte astrologische Fachliteratur und fand sie auch, die nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland erschienen war. Parallel dazu arbeitete ich mich in die Welt der Esoterik ein und später merkte ich, daß ich mit Energielehre nach Feng Shui besser arbeiten konnte. Astrologie und Feng Shui wurden zwei Denkweisen, die mich bis heute begleiten.

Die astrologische Bibliothek konnte ich später verkaufen – es war das erste Mal, das meine gesammelten Bücher etwas wert waren. Auch dies ist schon viele Jahre her.

Das war auch der Übergang in das digitale Zeitalter. Lesen von Fachliteratur erfolgte zunehmend über Artikel und andere Textformen an Computern. Eine neue Zeit begann.

Und dann?

Dann kam die Fotografie und die digitale Revolution. Ich versuchte die Bilderfluten mit Fotobüchern aufzufangen. Irgendwie hoffte ich, daß die Bücher die Auswahl sein würden. Aber das war eine Illusion. Ich wollte, daß bei dem digitalen Bilderstrom etwas bleibt und hoffte, es könnten die Fotobücher sein.

Wenn ich nur auf die Fotobücher schaue, dann könnte man es glauben. Doch sobald man die Webseiten anklickt, die Fotos enthalten, ersäuft man darin.

Selektive Wahrnehmung als biologische Funktion rettet dann davor, den Bilderwald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen.

Ich liebe auch heute noch Bücher. Es gibt immer wieder neue. Aber viele neue Bücher sind oft nicht viele gute Bücher.  Und es wird immer mehr geschrieben von immer mehr Wissenschaften mit immer mehr Fachvokabular auf immer begrenzterem Niveau. Was soll das bringen?

Da war es früher besser, zumindest in der Geschichte. Ich liebe Otto Zierer, Will Durant und Bernt Engelmann und einige andere bis heute.

Durch alles dies habe ich mich durchgearbeitet und glaubte daran, daß die Aufklärung hilft.

Gelernt habe ich nur, daß man weder mein Wissen braucht noch etwas lernen will, um humanitär zu handeln.

Ich habe zwar noch Bücher aber ich habe zehn mal mehr Bücher abgegeben.

Ich kann mir ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen aber ich habe gelernt, daß man weder Bücher noch Wissen braucht, das tiefer geht und weiter wirkt.

Wir leben heute in entscheidenden Zeiten und werden von Politikern und Wissenschaftlern und Unternehmern regiert, die nicht weiter denken und blicken als zu Zeiten, in denen Wissen noch nicht so vorhanden war.

Wissen zu haben bedeutet als nicht damit etwas anfangen zu können. Es sei denn wie früher – wer die besseren Waffen hat besiegt den anderen und nimmt sich seine Frauen und Schätze.

Da war die Luft aber noch sauber und die Verseuchung durch Strahlung kein Thema.

Ich bin noch da.

Ich bin.

Da-sein.

Am liebsten mit Büchern aber ohne den Glauben, daß Wissen Macht ist, denn ohne Wissen macht heute auch nichts.

Dann gibt es eben ein Boxtraining und Schulsozialarbeit. Früher gab es Nachsitzen und Aufsatzschreiben.

Aber das ist vorbei wie das Lesen von Büchern und meine Art zu leben.

Macht auch nichts.

Ist Geschichte.

Willkommen in der Gegenwart!

 

(Der Artikel erschien erstmals 2014 und wurde 2020 um den letzten Satz ergänzt)